WARUM?

Fakten und Zahlen zu Zwangsprostitution

Weltweit:

  • jährlicher Umsatz Menschenhandel 30 – 35 Milliarden US-Dollar.
  • jährlicher Gewinn Zwangsarbeit 150 Milliarden US-Dollar (Sexarbeit: 99 Milliarden)
  • höhere Gewinne als Waffen- und Drogen-Handel zusammen.
  • 2017 waren 30 Millionen Menschen in Sklaverei – mehr als je zuvor
  • jährliche Zunahme 2.5 Millionen.
  • 22% werden in der Sexarbeit ausgebeutet.
  • 55% sind weiblich (bei Sexarbeit 75%).
  • 26% sind unter 18. (bei Sexarbeit Durchschnittsalter Opfer bei erstem Handel: 16)

 

Europa:

  • 880‘000 Frauen werden in diesem Augenblick als Zwangsprostituierte in Europa ausgebeutet und misshandelt
  • Bis zu 200‘000 Frauen kommen allein aus Osteuropa jedes Jahr neu hinzu
  • Jährlicher Ertrag aus dem Menschenhandel allein in Europa: 25 Milliarden Euro

 

Schweiz:

 

  • Bis zu 3000 Frauen kommen jedes Jahr neu dazu.
  • täglicher Umsatz mit Prostitution 8.8 Millionen, jährlich über 3.2 Milliarden Franken.
  • Video: Fallbeispiel in der Schweiz 

 

Quellen: OSZE; UNO; ILO; KSMM; fedpol

Reportage

Von Katharina Bracher, Budapest (NZZ 27.10. 2013)

Valérias Hund ist so dünn wie sie selbst. Man kann jede Rippe zählen. Die junge Frau steht vor dem Gartentor und versucht, das Tier zurückzuhalten. Ihr Blick tastet die Nachbarschaft ab. Heute ist Mittwoch, und sie hat nicht gearbeitet. Gelegentlich verdient Valéria etwas Geld als Erntehelferin oder Putzhilfe. Oder sie erhält einen Job beim staatlichen Beschäftigungsprogramm. Wenn alles gut läuft, verdient sie damit gut 200 Franken im Monat. Etwa so viel, wie sie zu Spitzenzeiten am Zürcher Sihlquai in drei Stunden eingenommen hat. Das war vor zwei Jahren. Heute wohnt sie zur Untermiete im ländlichen Osten Ungarns. Hier kennt sie niemanden. Acht Kilometer weit weg aber wohnt der Mann, der Valéria an einen Zuhälter in Budapest verkauft hat. Seit ihrer Kindheit ist sie Vollwaise, ihre Grossmutter hat sie und ihren Bruder allein aufgezogen. Man ernährte sich von der Hand in den Mund. Nach der Schule wurde Valéria in einer Schuhfabrik angelernt. Doch diese Arbeit ist seit Jahren nicht mehr gefragt. Mit 24 lernte Valéria einen Mann kennen, der ihr eine Verdienstmöglichkeit in Budapest versprach. Ob sie damals schon wusste, dass es um Prostitution ging? Sie verneint es, vielleicht auch aus Scham. Als sie in Budapest erfährt, was von ihr erwartet wird, will sie nach Hause fahren. Doch der Mann droht ihr damit, ihre Grossmutter umzubringen. «Er hatte Schulden», sagt Valéria am Tisch ihres Wohnzimmers. Sie senkt ihren Blick, als sie berichtet, wie sie mit dem ersten fremden Mann Sex hatte, wie sie das verdiente Geld ihrem Zuhälter gab. Nach wenigen Tagen verkaufte dieser Valéria kurzerhand an einen anderen Zuhälter. So landete sie schliesslich in Zürich. Dort wohnten sie mit einem weiteren Zuhälter und dessen beiden Prostituierten in einem möblierten Appartement im Hotel Nova in der Nähe des Letzigrundstadions. Valéria wurde einer erfahreneren Prostituierten zugewiesen, die sie streng überwachte. Fünfzehn bis zwanzig Freier bediente sie pro Nacht. Ablehnen durfte sie keinen. Kondome waren verboten, es sei denn, sie wurden ausdrücklich von den Freiern verlangt. Ungeschützter Verkehr kostet mehr. Wie viele Männer bestanden trotzdem auf Kondomen? Valéria blickt überrascht auf: «Keiner», sagt sie. «Die Prostitution hat mich krank gemacht», sagt Valéria. Seit Monaten versuche sie, schwanger zu werden. Es funktioniere nicht, weil sie ein Geschwür in der Gebärmutter habe. Von den Männern, mit denen sie ungeschützten Verkehr hatte. Das habe eine Gynäkologin in der Schweiz festgestellt. Obwohl diese gutartigen Wucherungen, Myom genannt, keinen direkten Zusammenhang mit der Prostitution haben, ist Valéria überzeugt, dass es die Schweizer Männer sind, die sie krank gemacht haben. Es ist dunkel geworden draussen. Valéria wirkt müde, will nicht mehr weitersprechen. Wir treten vor die Tür, der Hund humpelt herbei, schmiegt sich an Valérias Beine. Was dem Tier denn fehle? Valéria stiert ins Leere. «Er hat niemanden, der sich um ihn kümmert.»

Ágnes, eine Sozialarbeiterin in Ungarn, die sich um heimkehrende Frauen aus der Zwangsprostitution kümmert, kann die Haltung der Schweizer Behörden nicht verstehen. «Sie behandeln die Frauen, als wären sie eigenständige Unternehmerinnen. Doch das sind sie nicht und werden es nie sein», sagt sie. Selbst die neuen Sex-Boxen in Zürich Altstetten würden die Zuhälter nicht davon abhalten, die Frauen auszunehmen. «Irgendwo ist immer ein Zuhälter – das wird auch stets so bleiben», sagt Ágnes.